Creative Walks: Lynton. Lynmouth. Devon.

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Wo Ideen sich zum sterben zurückziehen.

Ich hasse Büros. Ich hasse die architektonische, psychologische, politische und emotionale Beschaffenheit von Büros und ich empfand es schon immer als unglaublich schwierig, sich in diesen Muffbuden zu konzentrieren, zu fokussieren, geschweige denn darin fantastische Ideen zu entwickeln. Meine Verzweiflung über Büros lässt sich nur noch durch meine Abneigung gegen miefige Konferenz- und Meetingräume toppen. Kennst du diesen ganz bestimmten Geruch? Ja, wie soll ich ihn beschreiben? Es riecht nach Flipcharts, Moderationsmaterial und billigen Keksen, die ihr Verfallsdatum bereits seit Jahren überschritten haben. Kurzum es riecht nach purer Verzweiflung. Klingt trübsinnig? Ist es auch. Konferenzräume sind der Ort, an dem Ideen sich besonders gerne begraben lassen. Vielleicht sitzt du sogar selbst just in diesem Moment in einem und beäugst beunruhigt diesen gruseligen Raum, der dir die letzte Hoffnung auf Kreativität heraussaugen wird wie einer dieser Dementoren aus Harry Potter. Ist es nicht paradox? Eigentlich sollte das hier ja ein Raum sein, in dem du großartige Ideen und Ansätze entwickelst, die dich und dein Unternehmen besser, interessanter und erfolgreicher machen sollen. Doch statt dessen ist dies ein Ort, an dem dein Erfolg unter einem Schutt aus langweiligen Regeln, schalem Kaffee und nichtssagenden Bulletpoints gnadenlos begraben wird.

„Tagesgeschäftliche Ablenkung“ ist ein beklagenswertes Berufsrisiko

Es ist eine unangenehme Wahrheit, dass die meisten Vorgesetzten in deiner Organisation ihre kostbare Zeit für Meetings verschwenden. Also genau die Menschen, die eigentlich eine große Vision oder fantastische Produkte entwickeln oder ihre Mitarbeiter dabei inspirieren sollen noch großartiger zu werden. Diese Menschen leiden unter etwas, dass ich „Tagesgeschäftliche Ablenkung“ nenne. Dieser Vorgesetzte könntest du sein. Es ist doch mittlerweile fast unmöglich geworden einfach nur zusammen zu sitzen um in Ruhe über etwas Großes für dein Unternehmen nachzudenken, ohne dass man dabei von einer angeblich so superwichtigen Nachricht unterbrochen wird. Ich bin mir sicher, du hast es selbst schon tausend mal erlebt. Das Pingen und Plärren von eingehenden Mails, SMS oder Anrufen kann man ja noch irgendwie vermeiden, indem man den eigenen Computer oder das Smartphone einfach mal abschaltet. Doch die eigenen lieben Kollegen, die plötzlich wie von Zauberhand vor deinem Schreibtische apparieren, um nur eine(!) Minute mit dir zu reden (aus der dann meistens eine quälende halbe Stunde der Ablenkung wird) kannst du halt nicht einfach mal so abstellen, auf lautlos stellen oder komplett deinstallieren. Das alles ist natürlich ein ganz normaler Teil deines Arbeitsalltages. Ich denke wir müssen das am Ende auch einfach als unser Berufsrisiko in Kauf nehmen. Aber wenn du wirklich mal an etwas arbeiten willst, das unfassbar wichtig ist, dann ist diese Art von „Tagesgeschäftlicher Ablenkung“ sehr sehr schädlich für dich und damit auch für dein gesamtes Unternehmen.

Ein bißchen Geliehenes. Ein bißchen Neues.

Ich habe eine Lösung für dieses Problem entdeckt. Stell dir einen Paradigmenwechsel für deinen Schreibtisch vor. Es nennt sich: Steh auf und beweg deinen müden Körper aus dem Büro um auf Wanderschaft zu gehen. Wir wissen es im Grunde doch schon ewig: Körperliche Bewegung fördert unser Denken und unsere Kreativität. Die Universität von Stanford hat darüber kürzlich eine Studie unter der Überschrift „Give your Ideas Some Legs: The Positive Effect on Walking on Creative thinking“ veröffentlich, die aufzeigt, dass einfaches Laufen unsere Denkprozesse dramatisch erhöhen kann. Nicht umsonst titelt schon so manche Zeitung mit „Sitzen ist das neue Rauchen“. Die Idee sich zu bewegen statt im Büro herum zu sitzen ist also nicht wirklich neu. Es gibt eine lange Liste von klugen Menschen, die eine Wanderung dazu benutzten um ihre Probleme besser zu lösen. Steve Jobs tat das und Richard Branson tut es auch heute noch.

Creative Walks - Exmoor

Exmoor – Großbritannien.

Wirklich lange Wanderungen für wirklich große Ideen.

Wir unterscheiden bei Kreativitätsprozessen zwischen divergentem und konvergentem Denken. Divergentes Denken bedeutet, sich offen und experimentierfreudig mit einem Thema zu beschäftigen. Konvergentes Denken geht linear, konzentriert und logisch-rational vor. Die Stanford Studie gibt uns Auskunft über die Auswirkung von Bewegung auf unser konvergentes und divergentes Denken. Bereits bei kurzen 30-Minuten Wanderungen, sowohl an der frischen Luft wie auch auf dem Laufband, zeigte sich eine deutliche Erhöhung der konvergenten Aktivität (23% Steigerung des logischen Denkens) und eine überwältigende Steigerung der divergenten Denkprozesse (81% Steigerung des freien, kreativen Denkens). Ich selbst habe im Laufe meiner Wanderungen herausgefunden, dass gerade die langen Strecken exzellent dafür geeignet sind, auch wirklich großartige Ideen zu generieren.

Kurze Wanderungen sind ein „Proof of Concept“

Ich weiß, ich weiß, Dir einen ganzen Tag zu blocken um auf Wanderschaft zu gehen, fühlt sich sicherlich wie ein schwerwiegender Angriff auf deinen übervollen Terminkalender an. Aber ich sollte dich wohl auch daran erinnern, dass gerade dieses Ereignis in deinem Kalendar einer der wohl wichtigsten Arbeitstage deines Jahres sein wird. Ich verstehe vollkommen, dass es schwierig sein wird, deine Kollegen, deinen Chef oder dich selbst zu überzeugen diesen Schritt zu wagen. Also würde ich dir vorschlagen, zunächst ganz kurze Wanderungen als eine Art „Proof of Concept“ zu betrachten. Wie ich bereits erwähnte, sind kurze Wanderungen prima dazu geeignet, um einfache Ideen nach vorne zu treiben. Außerdem machen kurze Wanderungen deinen Kopf frei, bringen deine kreativen Säfte in Schwung und bereiten dich auf die lange Version der Wanderung vor – sofern du das in Betracht ziehst. Verlasse also deinen Schreibtisch für 30 läppische Minuten und geh eine Runde an der frischen Luft spazieren um vielleicht neue Perspektiven zu deinem Problem zu finden oder gar eine Lösung. Diese kurzen Ausflüge sind der perfekte Weg, dir, deinen Kollegen und Chefs zu beweisen, dass Wanderungen auch gleichzeitig gut für euer Geschäft sind. Das wäre dann der „Proof of Concept“.

Lyton - Großbritannien

Eine lange Wanderung belohnt Körper & Geist.

Wenn du deinem Büro erst einmal bewiesen hast, dass Wanderungen einen positiven Beitrag zu deiner Arbeit leisten, dann kannst du nun darüber nachdenken, auch mal auf große Wanderschaft zu gehen. Ich habe festgestellt: Je länger ich wandere, desto größer und besser werden am Ende meine Ideen, die ich dabei entwickle. Es ist ein unfassbar gutes Gefühl, ein Bein vor das andere zu setzen und Körper und Geist mit der umgebenden Natur verschmelzen zu lassen, um dann fast wie von allein ein ganz bestimmtes Problem zu lösen oder einfach nur die Gedanken frei umherschweifen zu lassen, um so eine bemerkenswerte Idee einzufangen. Ich bin immer wieder überrascht, wie fokussiert ich werde, sobald ich in meinen Wanderschuhen Stunde um Stunde, Kilometer um Kilometer an mir vorbeiziehen lasse. Wanderungen in der Natur, umgeben von Wäldern, Bergen, Flüssen und Seen ist sowieso schon ein bemerkenswertes Balsam für die Seele, aber solche Wanderungen ganz bewusst für den eigenen kreativen Prozess zu nutzen, kann wirklich ganz erstaunliche Ergebnisse zu Tage fördern. Der Duft des Waldes, das Rauschen der Blätter und Bäche, das Gezwitscher der Vögel, sowie die körperliche Anstrengungen von 30 Kilometern führt zu einem unglaublichen Zustand der Glückseligkeit, die deine Kreativität genau dahin lenkt, wo sie hin soll. Die Natur wird dich dazu inspirieren, dich selbst am Ende zu inspirieren. Vor kurzem habe ich den norwegischen Begriff „freiluftsliv“, also „Freiluftleben“, gehört. Er wurde von dem norwegischen Schriftsteller und Lyriker Henrik Ibsen geprägt und steht für eine poetische Zuflucht in eine Natur voller Abenteuer und Wunder.

Kreativität ist ein Prozess und eine Disziplin.

Was ist denn überhaupt Kreativität? Das Oxford English Dictionary beschreibt Kreativität wie folgt: “the use of imagniation or orginal ideas to create something”, also eine herrlich nüchterne und pragmatische Beschreibung für einen eigentlich äußerst wundervollen und magischen Moment. Ich war mal Kunststudent und musste während meines Studiums mich, meine Gedanken, Ideen und meine Werke wöchentlich vor allen anderen Studenten präsentieren – also eine Art „Jour-fixe“ von angehenden Künstlern, die wir “Crit” oder “Critique” nannten. Während diesen “Crits” musste ich meine intimen Gedankengänge offenbaren und meine “Sketch-Books” offen auf den Tisch legen: Kleine schwarze Bücher, vollgestopft mit Notizen, Kollagen und Ideen. Diese Offenlegung und Diskussion von Ideen, ausgeliehen aus dem Zeitalter der Renaissance, ist zugleich ein fabelhaft klarer Prozess um Ideen gemeinsam zu bändigen. Ich sehe es als eine mögliche Disziplin um Ideen zu schärfen und sie anderen vor allem verständlich zu vermitteln. Die Methode des „Crits“ nehmen wir einfach mit auf unseren Weg um am Ende auch die Qualität der entwickelten Ideen zu erhöhen.

Creative Walks

Die Planung der Wanderung

Meine Wanderungen können bis zu acht Stunden dauern. Ich habe festgestellt, dass eine Wanderung von dieser Länge mich förmlich dazu zwingt, eine Art Vertrag mit mir selbst einzugehen: Ich werde laufen und dabei arbeiten ohne jegliche Ablenkung oder Störung und zwar so lange, bis ich eine Lösung gefunden habe. So etwas will natürlich gut geplant sein. Ich habe zum Beispiel mal versucht die Strecke von München nach Hamburg zu laufen – (it went horribly wrong, I’m afraid) und ich wünschte, ich hätte damals schon gewußt, was ich heute über Wanderungen weiß. Hier sind ein paar einfache Tipps für euch, um ähnliche Katastrophen zu vermeiden:

1. Ein Tag. Ein Weg. Eine Aufgabe.
Wie so oft im Geschäft gilt auch hier: Was ist dein konkretes Ziel für die heutige Wanderung? Was willst Du erreichen? Möchtest du ein geschäftliches Problem lösen? Ein neues Produkt erfinden? Eine Kampagne entwickeln? Bitte nehme dir für einen Tag des Wanderns auch nur eine konkrete Aufgabe vor.

2. Der Weg muss deiner körperlichen Verfassung entsprechen.
Ich bin, Gott weiß, nicht das fitteste Lebewesen auf diesem Planeten. Ich würde sogar soweit gehen und sämtliche sportliche Aktivitäten als würdelos titulieren. Doch spazieren gehen oder wandern, hat für mich irgendwie Stil und ich betrachte es als eine Art “Gentleperson’s Sport”. Nein, Extremsportler bin ich wahrlich nicht und ich entscheide mich daher immer für Wege, die meiner persönlichen körperlichen Verfassung entsprechen. Das solltest du auch tun. Don’t be a hero.

3. Das richtige Equipment.
Du brauchst auf alle Fälle die richtigen Schuhe (Lass dich dabei bitte von echten Experten beraten). Du brauchst die richtigen, atmungsaktiven Klamotten. Ausreichend Essen und Trinken solltest du natürlich auch dabei haben sowie eine Landkarte. Und du brauchst was zu schreiben um deine großartigen Ideen auch zu Papier zu bringen.

4. Maximal drei Teilnehmer.
Wenn du unbedingt Gruppenarbeit machen willst, dann sucht euch einen schönen Platz im Wald und bleibt dort sitzen. Eine Wanderung mit mehr als drei Teilnehmern ist sehr schwer zu kontrollieren, da sich automatisch kleinere Gruppen bilden und wertvolle Ideen dabei vielleicht verloren gehen können.

Creative Walks - 4 Phasen

Wandern und Arbeiten.

Längere Wanderungen können erfahrungsgemäß in vier Phasen unterteilt werden. Die erste Phase ist furchtbar aufregend. Dein Hirn spielt verrückt, weil du gerade begreifst, dass du ja einen Arbeitstag mit Spazierengehen ohne jedwede Ablenkung verbringst. Du läufst zwangsläufig zu schnell und redest dabei zu viel. Es fühlt sich an wie ein Gewitter im Kopf. Später kommt das “Walkers-High”: Deine Augen und dein Verstand haben sich an die Wälder, Flüsse, Berge und Seen gewöhnt, du läufst langsamer, du redest weniger und du machst viel mehr Notizen. Dann gibt es eine Phase der Ideen-Jagd, bei der du unfassbar fokussiert sein wirst und die wirklich starken Ideen erscheinen wie aus dem Nichts. Am Ende gibt es den langen Weg nach Hause: Eine Phase der Dokumentation, der Konsolidierung und der Sortierung in starke und schwache Ideen.

Creative Walks

Post-Wanderungs-Trauma

Ich habe diese Wanderungen als “besten Arbeitstag aller Zeiten” beschrieben. Manchmal sitze ich nach so einer Wanderung in einem Wirtshaus, bin erschöpft aber glücklich und habe zum Teil Tränen in den Augen, weil diese Art zu arbeiten mich emotional, intellektuell und auch professionell berührt. Aber Vorsicht ist geboten: Mann oder Frau darf niemals vergessen, dass das gerade eben tatsächlich auch Arbeit war. Wir haben gemeinsame Lösungen gesucht und gefunden und wir haben damit etwas konkret Greifbares produziert. Es ist jetzt unglaublich wichtig deine Kollegen zu informieren und ihnen deine Ergebnisse zu präsentieren.

Deine heroische Rückkehr zum Arbeitsplatz.

Am nächsten Tag sitzt du wieder an deinem gewohnten Schreibtisch. Kaffeemaschine? Ist noch da. Photokopierer, Besprechungsraum und Klaus der Buchhalter? Jawohl, die sind alle auch noch da. Du spürst ein wenig Wehmut als deine Kollegen dich mit “wie war es da draußen?” begrüßen, aber als der Tag so vergeht, erlebst du plötzlich selbst, was die schlauen Stanford Professoren als “residual creative boost” beschrieben haben: Der Wandertag ist förmlich bei dir geblieben und beeinflusst von nun an deinen Arbeitsalltag. Deine Stimmung hat sich deutlich verbessert. Du bist vielleicht sogar ein besserer Vorgesetzter, Manager, Kollege und Partner. Du bist irgendwie glücklicher und es fällt dir auf, dass deine Ideen plötzlich viel besser werden. Doch nicht nur dir. Deine Kollegen, Chefs und Kunden wundern sich auch schon.